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Das gemeinsame ist das Dunkle: die Liebesgeschichte von Ingeborg Bachmann und Paul Celan.
erschienen in: Haaretz, 29.08.2008, Ruth Almog, Literaturbeilage

Man kann sich keine romantischere - tragischere Geschichte als die Liebesgeschichte der zwei großen deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts vorstellen: die Österreicherin Ingrid Bachmann und der jüdische Paul Celan. Alle Zeitungen beeilten sich daher über das unlängst neue im Suhrkamp Verlag in Deutschland erschienene Buch über ihren Briefwechsel zu schreiben. Noch vor Aufdeckung des Briefwechsels veröffentlichte eine der Herausgeberinnen, Andrea Stoll, eine lange Abhandlung in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die wie folgt beginnt:

„Es beginnt fast nebenbei, leicht und frühsommerlich. Ein Tag im Mai 1948. Die einundzwanzigjährige Dichterin und Philosophiestudentin ist eine umschwärmte junge Frau, als ihr im Wiener Haus des Malers Edgar Jené ein junger Mann vorgestellt wird: Paul Celan. Blicke fliegen hin und her, erste Worte knüpfen ein Band zwischen den jungen Leuten, das unverbindlich scheint zwischen dem Gelächter und den Diskussionen in dieser Runde aus Künstlern und Literaten. Ingeborg Bachmann ist nicht allein gekommen, sie befindet sich in Begleitung ihres Wiener Mentors, des Schriftstellers Hans Weigel, auch er ein Exilierter jüdischer Herkunft, mit dem sie zeitweilig zusammenlebt.“

Von jenem Maitag aus spannt sich das Drama dieser Begegnung in das Leben der beiden Dichter hinein, die von da an miteinander und gegeneinander ihren Weg suchen. Ingeborg Bachmann ist die Tochter eines der NSDAP beigetretenen Kärntner Lehrers, der als Offizier im Zweiten Weltkrieg gedient hatte, und ist als junges Mädchen vor dem Krieg in die Literatur geflüchtet. Paul Celan ist ein aus Czernowitz gebürtiger Jude deutscher Sprache, dessen Eltern in einem Konzentrationslager ermordet wurden und der ein rumänisches Arbeitslager überstanden hat, und flüchtet auch ins Schreiben. Ein Jahr, nachdem er nach Paris gefahren war, schrieb Celan an Bachmann, dass das Dunkle sie mit einander verbindet. Nur wenige Tage davor kam der jüdische Dichter aus der Bukowina nach Wien. Aber in Wien war Frühling, und Bachmann schrieb an ihre Eltern, dass der surrealistische Dichter Paul Celan sich in sie verliebt hat. Ihr Zimmer wurde zu einem Mohnfeld, da Celan sie mit diesen Blumen überschüttete, und drei Tage später widmete ihr der um 6 Jahre ältere Dichter ein Gedicht „In Ägypten“, ein Liebesgedicht. Dieses Gedicht ist der Beginn eines Briefwechsels, der sich vor allem mit der Möglichkeit des Schreibens nach Auschwitz befasst.

Am 22. Juni feiert Bachmann ihren 22. Geburtstag und sie schreibt ihren Eltern: „Von Paul Celan zwei dicke Bände über moderne französische Malerei mit den letzten Werken von Matisse und Cezanne, ein Band von Chesterton (ein berühmter englischer Schriftsteller), Blumen, Zigaretten, ein Gedicht, das mir gehören wird, ein Bild, das ich Euch in den Ferien zeigen werde (er fährt morgen nach Paris), deshalb bin ich mit ihm gestern feiern gegangen, am Abend vor meinem Geburtstag. Ein Nachtmahl mit ein bisschen Wein“. Mit einer derartigen Leichtigkeit beginnt dieser Roman, der ihr ganzes Leben andauert, voller Spannungen und Entfremdung, aber in Freundschaft. Der Band beginnt mit dem Gedicht „In Ägypten“ mit der Widmung „Für Ingeborg“. Celan beschwört im Gedicht in biblischer Sprache das Gedenken an die Namen der jüdischen Frauen hervor und stellt sie der “Fremden“ gegenüber: „Du sollst zu Ruth, Mirjam und Noemi sagen: Seht, ich schlaf bei ihr/ Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi“. Jahre später schrieb ihr Celan, dass er sie in diesem Gedicht sehe. Und somit schmückt er sie nicht nur mit Mohnblumen sondern auch mit dem Schmerz der Ermordeten. „Wegen der persönlichen Aspekte und der Aufdeckung in diesen Briefen zögerte die Familie Bachmanns sie zu veröffentlichen. „Ich führte viele Gespräche darüber mit Isolde Moser, der Schwester von Ingeborg“, schreibt die Herausgeberin, „aber gemeinsam mit Heinz Bachmann und Hans Holler sind wir schließlich zur Auffassung gelangt, dass dieser Briefwechsel veröffentlicht werden muss. Diese Briefe Ingeborg Bachmanns und Paul Celans dokumentieren nicht nur das existentielle Ringen um die deutsche Sprache im Angesicht der historischen Katastrophe, sondern offenbaren auch einen verzweifelten Kampf um private Verständigung und poetisches Verstehen. Diese Auseinandersetzung schließt im Laufe der Jahre auch die jeweiligen Lebenspartner mit ein, sodass wir uns entschlossen haben, auch die Briefe von Max Frisch und Giselle Celan-Lestrange aufzunehmen.“

Die Briefe Bachmanns an Celan unterscheiden sich von den virtuosen Spielen, die man im Briefwechsel mit ihrem Partner finden kann, der Komponist Werner Henze, die 2004 veröffentlicht wurden. Neun Jahre nach der ersten Zusammenkunft in Wien in Wien schreibt Celan unter Bezugnahme auf das Gedicht „In Ägypten“: „Sooft ich es lese, sehe ich Dich in dieses Gedicht treten: Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil Du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bleibst.“ Und Bachmann verwendet in ihren Gedichten die Hinweise und Zitate aus dem Gedicht Celans, und wendet das auch in ihrer späten Prosa an: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken“ (Celan stürzt sich 1970 in die Seine, Bachmann kam 1973 durch einen Brand ums Leben). Diese Worte spricht das Traum- Ich vom Fremden mit dem schwarzen Mantel in „Malina“. „Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben“. „Seine Liebe gibt meinem Leben einen gewissen Geschmack“, schrieb sie in einem Brief an ihre Eltern, in dem sie ihnen über das Herrliche erzählt, als sich Celan in sie verliebte.

Aber einen Monat später zieht der Geliebte nach Paris, und der Versuch, gemeinsam in Paris zu leben, scheitert. Nach dem zweiten gescheiterten Versuch einer Zusammenkunft im Jahre 1958 zieht Bachmann mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch zusammen. Nachdem sie nach Wien fährt, schreibt sie ihm: “Paul, lieber Paul, ich sehne mich nach Dir und nach unserem Märchen“. Der Brief wurde nie verschickt. Dann schreibt sie: “Ich würde gerne die Steine aus Deiner Brust herausreißen (…) und Dich singen hören“. Nachdem er ihr eine Karte zu ihrem 23. Geburtstag schickt, bei der es um Mohnblumen geht, antwortet sie ihm: „Ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst. Wir werden viele Teppiche drin haben und Musik und die Liebe erfinden.“ Und gleich danach schreibt sie: „Die Zeit und viele Dinge sind gegen uns, aber sie darf das, was wir retten wollen, nicht zerstören“, und weiter: „irgendwie umgeben mich Männer, aber das hat nur ganz wenig Bedeutung.“ Sie schreibt ihm, dass er nicht glauben solle, dass es in seiner Abwesenheit keine Männer in ihrem Leben gebe, aber sie habe keine echte Beziehung. Und er heiratet Giselle Lestrange, eine französische Katholikin adeliger Abstammung, deren Familie gegen die Ehe ist. Der erste Sohn kommt nach 9 Monaten auf die Welt und stirbt sofort. Im Jahr 1955 kommt der Sohn Eric auf die Welt. Im Laufe der Jahre treffen sich Bachmann und Celan auf ihren Reisen nach Deutschland. Aber es gibt nicht wenige Missverständnisse. Einmal seufzt sie: „Ich liebe Dich und ich will Dich nicht lieben. Es ist zu viel und zu schwer, Ende 1951: „Lieber Paul, ich weiß, dass Du mich heute nicht mehr liebst“. Aber sie sie hofft noch immer auf einen Neubeginn. Im Februar 1952 schreibt er kühl: „Wir kennen einander gut und sind uns dessen bewusst, dass zwischen uns nur die Freundschaft möglich bleibt. Der Rest ist unwiderruflich verloren“.

Der Briefwechsel zwischen 1948 und 1961 (der letzte Brief ist aus dem Jahre 1967) ist ein rührendes Zeugnis einer Liebe und aller damit verbundenen Schwierigkeiten wegen der so extremen Differenzen ihrer Vergangenheit. „Es ist schwer Briefe zu erwarten“, schreibt Celan 1950 an Bachmann. Aber es war wert, so viele Jahre bis zur Veröffentlichung des Briefwechsels genannt „Herzzeit“ zu warten, benannt nach dem ersten Wort in einem Gedicht von Celan an Bachmann. Das Lesen der Briefe ist herzzerreißend und spannend. Es ist eine Liebesaffäre, die sich 20 Jahre lang erstreckt, und die Sehnsüchte bleiben unerfüllt bis zu Celans Ertrinken im Alter von 49 Jahren.

In der Zeitung „Die Zeit“ schrieb Helmut Böttinger (2001), dass es schwer ist, nach Celan Gedichte auf deutsch zu schreiben; er brachte den Modernismus an seine äußerste Grenze, mit radikaler Ästhetik, die das Unsagbare zu etwas Aussprechbarem macht. Er war ein Jude aus dem Osten, der in seiner Muttersprache schrieb und in der Muttersprache der Mörder seiner Mutter, aber er lebte nie, außer ein halbes Jahr lang, im Umfeld der deutschen Sprache. Bis zu ihrem Tod 1991 achtete seine Frau Giselle darauf, dass nichts über ihn außer seinen literarischen Werken veröffentlicht wird, aber er hinterließ nicht nur Gedichte, sondern auch Aufstellungen, Tagebücher und vor allem Briefe.

In den letzten Jahren erschienen einige Bezeugungen über seinen Alltag: ein Briefwechsel mit Nelly Sachs und Franz Wurm, die Ausstellung in Marbach über „Celan als Übersetzer“. Im Jahre 2001 erschien auf Deutsch und auf Französisch der Briefwechsel zwischen Celan und seiner Frau. In diesem Band wurden Tatsachen über ihre rührende Liebesgeschichte aufgedeckt. Dieser Briefwechsel wurde von Eric Celan veröffentlicht, sein einziger Sohn und Erbe. Es deckt auch einiges über die Beziehungen zwischen Bachmann und Celan auf, aber über die wahre Beziehung zwischen ihnen war nur wenig bekannt. Unlängst wurde ein Brief veröffentlicht, den sie an Hans Weigel über ihre gescheiterte Beziehung schrieb: „Wir nahmen einander die Luft zum atmen wegen dämonischer unbekannter Gründe“.

Eine im Wuppertal stattgefundene Lyrikertagung im Oktober 1957 war wahrscheinlich das letzte Mal, dass die beiden einander trafen. Im Wuppertal entfachte die Liebe aufs Neue. Sie trafen einander in einem Hotel in Köln. Celan schickte Ingeborg Gedichte über den Köln Aufenthalt. Aber sie warnt: „Du darfst sie und Euren Sohn nicht verlassen“. Er schlägt ihr ein Leben zu dritt vor und schreibt ihr, dass Giselle weiß, dass er zu ihr fahren möchte. Und er kommt tatsächlich einige Male nach München. Aber sie können diese Liebe nicht halten. In den Briefen Giselles nach Deutschland wird der Name Bachmanns nicht erwähnt. Nur in zwei Briefen aus dem Jahre 1958 gibt es Hinweise darauf: „Sorge Dich nicht um mich. Es geht mir gut. Ich bin sehr ruhig. Deine Abwesenheit ist erträglich. Verzeihe mir alle meine Tränen, den Verlust des klaren Denkens, die Dich vor Deiner Reise wieder verärgerten.“ Und am Ende des Briefes: „Gestern Abend habe ich wieder vieles verstanden, was mir bis vor kurzem den Schlaf in der Nacht geraubt hat“.

Seine Anmerkungen zum Briefwechsel zwischen Giselle und Paul zitiert der Germanist Bertrand Badiou aus dem Tagebuch Giselles: “Gestern habe ich bis spät die Gedichte Ingeborg Bachmanns gelesen. Sie haben mich erschüttert. Ich musste weinen. Welch schreckliches Schicksal. Sie hat Dich so geliebt, sie hat so gelitten. Wie konntest Du so grausam zu ihr sein. Jetzt stehe ich ihr näher. Ich verstehe, dass Du sie wieder treffen wirst. Ich bin ruhig. Du bist es ihr schuldig. Armes Mädchen, tapfer und würdig, sechs Jahre langes Schweigen.“

Ende 1961 brach die Beziehung ab, da Celan wegen der Goll Affäre in einer psychischen Krise war. Iwan Goll war ein deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung und der beste Freund Celans. Nach Golls Tod beschuldigte seine Witwe Klara Celan des literarischen Diebstahls. Die Goll Affäre führte zu wiederholten Spitalaufenthalten Celans auf der Psychiatrie, bis er zwangseingeliefert wurde, nachdem er Giselle im Februar 1967 mit einem Messer zu erstechen drohte, und noch einmal nach einem missglückten Selbstmordversuch, nachdem er zufälligerweise Klara Goll im Goetheinstitut in Paris im gleichen Jahr traf. Ein Brief aus dem Jahre 1967 beginnt mit folgenden Worten: „Die Liebe ist schön wie ein Verrücktenhemd“. Im Dezember 1951, nach ihrem erstem Treffen im Café Trocadero schreibt Giselle: „Es muss sehr schwer sein, einen Dichter, einen schönen Dichter zu lieben:“ Zweifelsohne gelten diese Worte auch für Ingeborg Bachmann (FAZ, NZZ, Frankfurter Rundschau, Zeit)



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