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Eröffnung der Österreich-Bibliothek Klausenburg/Cluj-Napoca
erschienen in: Die Presse, 11.03.2003 - Kultur News

Rumänisch-Ungarisch-Deutsch
 
Rumänien will sich mit seinen Kulturfrüchten in Österreich 2004 präsentieren - rechtzeitig vor einem EU-Beitritt. Wien hat wieder Klausenburg entdeckt.
 
VON HANS HAIDER
 
Rechnen Sie mit Interesse", bestärkt Andrei Marga, Philosoph, Rektor, Erziehungsminister in der jüngst abgewählten bürgerlichen Regierung, in gutem Deutsch die Gäste aus Österreich. "Aber spät sind Sie gekommen!" Sein Vis-à-vis, der Osteuropa-Experte und Kulturchef im Außenministerium Emil Brix, hat immerhin Brauchbares der Klausenburger Babes-Bolyai-Universität mitgebracht: eine Österreich-Bibliothek, die erste in Siebenbürgen (Transsylvanien), und die fünfzigste in der Serie dieser Ost- und Südosteuropa zugedachten Billigstvarianten österreichischer Kulturpräsenz. Die nächstgelegenen: Czernowitz, Temesvár. Billa, die OMV (einer ihrer Tankstellen ist ein "Wiener Café" angeschlossen) und die Bank Austria unter "HBV Bank Unita" grüßen in Klausenburg von Leuchtschildern herunter; Raiffeisen und die Brau AG zeigen ihre massive Präsenz diskreter. Österreich als Bildungs-, Forschungs-, Kulturpartner ließ aber auf sich warten. Amerikaner, Italiener (sie führen mit 25 Prozent im Ranking der ausländischen Investoren), Franzosen, Engländer, Spanier, Deutsche und die nordischen Staaten haben längst in der 400.000-Einwohner-Stadt (24 Prozent Ungarn) im Nordwesten Rumäniens Kulturzentren und Bibliotheken eingerichtet. Rumänien, demnächst Nato-Mitglied, wartet in der zweiten Linie auf seinen EU-Beitritt. Nach dem Vorbild Polens, das sich 2002/03 mit einem breiten Kulturprogramm den Österreichern vorgestellt hat, wird in Bukarest an ein Rumänien-Jahr 2004/05 gedacht. Womit auf den erst vor einem Jahr aus der Kulturabteilung des Außenministeriums nach Bukarest übersiedelten Botschafter Christian Zeileissen wieder viel Kulturarbeit zukommen dürfte. Die kulturelle Öffnung seit dem Ende der Ceausescu-Diktatur 1989 manifestiert sich an keiner anderen rumänischen Universität deutlicher. In drei Sprachen wird hier gelehrt, geprüft: rumänisch, ungarisch und - seit 1995 wieder - deutsch. Dabei regiert in Cluj-Napoca (so hieß die römische Stadt in Dakien) ein ultranationalistischer Bürgermeister, der auf jeden Laternenmast eine blau-gelb-rote Fahne aufziehen, kommunale Papierkörbe und Parkbänke mit den Nationalfarben anmalen ließ. In der neugebauten Ökonomie-Fakultät wird das Fremde kultiviert, trainiert - etwa in nagelneuen Sprachlabors und bei den Informatikern. An der Philosophie unterrichtet der junge Österreicher Lukas M. Vosicky. Er hat der jüngst erschienenen Übersetzung von Otto Weiningers frauenskeptischem Buch "Geschlecht und Charakter" ein Vorwort vorangestellt mit dem Titel "Beipackzettel über erwünschte und unerwünschte Nebenwirkungen". Die Rezeption der Wiener Jahrhundertwende-Moderne, erzählt Vosicky, habe über Frankreich ihren Weg nach Rumänien gefunden: Standardwerke von Carl Schorske, Jacques Le Rider, Michael Pollak, Janik und Toulmin ("Wittgenstein's Vienna") gibt es nun rumänisch. Klausenburg ist, wie Kronstadt und Hermannstadt, eine Gründung der Sachsen, die im 12./13. Jahrhundert ins innere Karpatenbecken gerufen wurden. Seit 1667 regierte Habsburg. Karl VI. und Maria Theresia trieben Protestanten aus der Steiermark und Kärnten nach Siebenbürgen. Nach dem Ausgleich mit Ungarn 1867 begann die Madjarisierung. Franz Josef hat in seiner langen Regierungszeit nur zwei Universitäten gegründet: in Klausenburg 1872 (ungarisch), in Czernowitz 1875 (deutsch). Ab 1918 pressierte Rumänien die Ungarn (ein Teil der Klausenburger Professoren ist geflohen und hat die Universität Szeged gegründet) und Deutschen. Hitler gab den Ungarn Nordsiebenbürgen zurück (worauf die Universität Cluj im rumänisch gebliebenen Sibiu-Hermannstadt ein Exil suchte). Die Russen verschleppten nach dem Krieg aus Siebenbürgen Deutsche als Zwangsarbeiter. Die Bonner Regierung evakuierte systematisch die Landsleute. 1982 gab es 400.000 Deutsche in Siebenbürgen, heute sind es um die 15.000. Im Großraum Linz-Wels landeten Siebenbürger als Umsiedler oder Flüchtlinge. Das Land Oberösterreich hat Geld gegeben für die in drei Parterreräumen ("Leicht erweiterbar", so Prorektor Wolfgang Breckner) an der Horea Straße eingerichtete Bibliothek; die Bücher kamen von den Universitäten Wien, Graz, Salzburg und vom Wieser-Verlag. Der 1998 verstorbene Wolfgang Kraus hat sich die Österreich-Bibliotheken einfallen lassen. Sie werden immer in Kooperation mit einem örtlichen wissenschaftlichen Institut in dessen Räumen eingerichtet. Wien finanziert (ganz oder teilweise) einen Betreuer - der so zum Makler in beide Richtungen wird. Er hilft österreichischen Stipendiaten und Forschern und besorgt dringend gebrauchte Bücher aus Wien. Die ärgste Kinderkrankheit ist in Klausenburg nicht zu diagnostizieren: Lange stopfte Wien seine auch daheim unverkäuflichen Titel aus der geförderten Prestige-Produktion in die Auslandsregale - etwa die Gesammelten Werke von Kunstsenatspräsident Rudolf Henz (1897 bis 1987). Nun aber dominieren die Natur- und Gesellschaftswissenschaften sowie Ökonomie das Angebot. Geschichte, Belletristik stehen verlockend daneben. Die Bibliothek wird, verspricht Emil Brix, auch Stützpunkt sein für Literaten und Künstler aus Österreich. Mit einer Lesung aus dem neuen Buch "Wien. Ein Fall" begleitete Adam Zielinski, Naziopfer aus Galizien, die Bibliotheks-Eröffnung. Wie geht es der deutschen Sprache in Siebenbürgen? Rektor Marga: "Wir müssen die Trägheit sprengen". Von den 5500 Studenten an der Wirtschaftsfakultät sind nur 55 deutscher Muttersprache. Deutsch als Fremdsprache ist beliebt, denn von den westlichen Sprachräumen ist der deutsche der nächstgelegene. Dumitru Matis, der Dekan, klagt: Die großen Firmen hätten vor 1989 großzügiger Rumäniens Universitäten unterstützt; heute müssten alle sparen. Wie eng die Diplome in 125 Fachrichtungen anbietende Universität Klausenburg Wien verbunden ist, beweisen ihre Namenpatrone: Der Pathologe Victor Babes wurde 1854 in Wien geboren und studierte hier; der Klausenburger János Bolyai, Pionier der nicht-euclidischen Geometrie, absolvierte das Wiener Polytechnikum und trat 1822 für elf Jahre in den kaiserlichen Militärdienst. Orthodoxe, Reformierte, Griechisch- und Römisch-Katholische haben in Klausenburg eigene Fakultäten, zudem gibt es jüdische Studien. Klausenburgs Hauptkirche - katholisch, ungarisch - heißt St. Michael. Der Bettler vor dem Portal dankt mit dem Bekenntnis: "Bin deitscher Zigan, Sachse".



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